Matt Keegans neuere Metallskulpturen integrieren formelhafte Wendungen wie „It’s Not You, It’s Me“ oder „He Said/She Said“ – Textfragmente, die trotz ihrer Vagheit an Szenen zwischenmenschlicher Interaktion denken lassen. Solche sprachlichen Ausdrücke sind in den Worten des Künstlers „Anzeichen für eine Art Sackgasse, wo Subjektivität unmittelbar angesprochen wird, ohne dass damit jedoch ein eindeutiger Zweck verbunden wäre. Sie verweisen nicht auf etwas Abschließendes; von vornherein wird konstatiert, dass eine Perspektive einer anderen entgegensteht.“
Keegans Edition für das Deutsche Guggenheim mit dem Titel „Nothing to Declare“ könnte zunächst an den Durchgang am Flughafenzoll denken lassen, durch den Einheimische für gewöhnlich die strengen Kontrollen vermeiden, denen ausländische Besucher sich unterziehen müssen. Sieht man jedoch von diesem Kontext ab, suggeriert der wiederholte Slogan des Objekts, dass hinter dieser harmlosen Aussage versteckte oder sogar gefährliche Mitteilungen ihrer Enthüllung harren könnten. Mit solchen Gesten reflektiert Keegan auf poetische Weise über das Vermögen der Sprache, Kommunikation zu befördern oder auch zu verhindern.

Matt Keegan: Nothing to Declare (for Deutsche Guggenheim), 2012
Almech lautet der Name des Kunststoff verarbeitenden Unternehmens, das Paweł Althamers Vater in einem Vorort von Warschau betreibt. Und so lautet auch der Titel von Althamers neuer Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim, für die das Museum in eine Zweigstelle des Familienbetriebs umgewandelt wurde – mitsamt den Anlagen und den aus Warschau nach Berlin angereisten Arbeitern.
Zur Erinnerung an dieses Projekt hat Althamer für das Deutsche Guggenheim diese Edition geschaffen, die in der Tradition jener Gedenktafeln steht, mit denen Firmengründer oder Führungspersönlichkeiten für ihre großen Verdienste oder ihren Erfindungsreichtum geehrt werden. Im Jahr 1997 gestaltete Althamer dieses Relief ursprünglich als Geschenk für seinen Vater zur Dekoration der PET-Extrusionsmaschinen, die das Herzstück des Almech-Unternehmens sind; später wurde es in Althamers kollaborative Installation FGF Warsaw (2007) integriert.
Ebenso wie die während der Ausstellung im Deutsche Guggenheim produzierten Skulpturen ist auch die Almech-Edition ein Gruppenporträt: Die Gründer von Almech, Adam Althamer (rechts) und Wieslaw Mydlowski (links), flankieren den Firmennamen, durch eine Abbildung der Gründungsfabrik vereint. Mit dieser Tafel schafft Althamer eine Hommage nicht nur an seinen Vater, sondern auch an eine ganze Generation von Familienbetrieben, die im Polen der 1980er Jahre aufgebaut wurden und die heute angesichts eines zunehmend globalisierten Marktes im Verschwinden begriffen sind.

Paweł Althamer: Almech, 1997/2011
Mit einer Bandbreite unterschiedlicher Medien wie Video, Fotografie, Installation und Zeichnung schafft Janaina Tschäpe einen mythologischen Kosmos, der um die Transformation des weiblichen Körpers kreist.
Ihre Edition bezieht sich auf die Videoarbeit Lacrimacorpus, die vom gleichnamigen Fabeltier inspiriert ist, das Jorge Luis Borges in seinem Buch der imaginären Wesen (1969) beschreibt: In die Enge getrieben, löst sich dieser scheue Waldbewohner völlig in Tränen auf. In Tschäpes Film ist dieses Wesen weiblich und tanzt in einem verlassenen Ballsaal. Schauplatz ist Schloss Ettersburg bei Weimar, das Treffpunkt von Größen wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller war. In Lacrimacorpus überlagert sich diese Referenz an deutsche Dichter und Denker mit einem traumatischen Kapitel der jüngeren Geschichte: Während des Dritten Reichs entstand in Nachbarschaft des Schlosses das Konzentrationslager Buchenwald. So verweist die märchenhaft surreale Inszenierung auch auf den schwierigen Umgang mit historischem Grauen und „deutscher“ Identität.

Janaina Tschäpe: Lacrimacorpus (Ettersburg III), 2011
Ganz in der Tradition der Satire eines Jonathan Swift und in Anspielung auf Brion Gysins Dream Machine hat Yto Barrada ihr Künstlerbuch als die „untertänigst vorgelegte" Anleitung eines anonymen Bürokraten verfasst, der minutiös beschreibt, wie eine ungenannte Stadt auf den Besuch eines hochrangigen Diplomaten vorzubereiten sei.
Das Handbuch besteht aus illustrierten Instruktionen, Grafiken, Diagrammen, Kollagen und Fotografien und verspricht laut Klappentext die „erstmalige Enthüllung ... einer radikal innovativen" Methode, Palmen entlang einer Besucherroute zu positionieren.
Auf den ersten Blick durchaus vernünftig, lassen diese Anweisungen – für die farbliche Fassung von Bürgersteigen, die Anfertigung von Betrachtern aus Pappe und das Arrangement von Palmen, um den Besucher „in einen Zustand der Euphorie" zu versetzen – doch etwas Grundfalsches hinter den vaterländischen Potemkinschen Fassaden erahnen.

Yto Barrada
A Guide to Trees for Governors und Gardeners, 2011

Yto Barrada
A Guide to Trees for Governors und Gardeners, 2011

Yto Barrada
A Guide to Trees for Governors und Gardeners, 2011

Yto Barrada
A Guide to Trees for Governors und Gardeners, 2011
Es gibt Monumente und Ansichten von Monumenten, die haben sich tief ins Weltgedächtnis eingeprägt. Der Schiefe Turm von Pisa, die Freiheitsstatue, das Brandenburger Tor. Immer wieder gezeigt, in Millionen von Souvenirartikeln aller Art reproduziert, hat sicher nahezu jeder Mensch diese Sehenswürdigkeiten vor Augen. Jedoch – so sehr sich die äußeren Bilder gleichen, so beliebig die Abbildungen sein mögen – so trägt doch jeder Einzelne auch ein individuelles Erinnerungsbild mit sich.
Agathe Snow hat das Immer-Vor-Augen-Haben wörtlich genommen. Ihre Edition zur Ausstellung All Access World ist eine Sonnenbrille, bei der quer über die Innenseite der schwarz verspiegelten Gläser mit goldenem Lack eine feine Horizontlinie gezeichnet ist. Die Skyline New Yorks und die Skyline der Ägyptischen Pyramiden. Von außen, für den Betrachter unsichtbar und für den Träger nur eine ganz leichte, kaum wahrnehmbare Irritation. Erst wenn man die Brille abnimmt, werden die Motive für den Träger wirklich erkennbar.
In Handarbeit hergestellt wird die Sonnbrille mit dem Modellnamen Cyrus von der Berliner Manufaktur MYKITA. Da die Horizontlinie von Hand aufgemalt wird, ist jede Brille ein Unikat.

Agathe Snow: You Are Here, 2011
Brille New York pink
„Die Moderne lässt sich nicht neu erfinden", hat der Stuttgarter Künstler Markus Amm in einem Interview für das db artmag gesagt. Ebenso wenig kann man ihre Bedeutung ignorieren.
Diese Ambivalenz mag der Grund sein, dass sich Markus Amm gerade für Brechungen interessiert. Nicht für heilige Werte oder zeitlose Schönheit, sondern für das Zerlegen einer Komposition und die Bruchlinien der Klischees.
Was für Amms Auseinandersetzung mit der klassischen Moderne gilt, lässt sich auch für seine Beschäftigung mit der Farbfeldmalerei der späten 60er und 70er Jahre behaupten.
In seiner Edition „Tape", die Markus Amm eigens zur Ausstellung „Color Fields" entwickelt hat, entstehen die Farbfelder nicht aus einem malerischen, gleichsam „schöpferischen" Akt, sondern scheinbar aus den Spuren eines aufgeklebten und zum Teil wieder abgerissenen Klebebandes, wie es eher zum Einpacken von Bildern verwendet wird.
Diese Verwendung von billigen Materialien wie Klebeband oder Kugelschreiber ist ebenso typisch für Markus Amm, wie das in-perfekt Prozesshafte, dass „Tape" anhaftet.
Paradoxerweise kommt „Tape" gerade dadurch wieder dem Bemühen von Color Field Künstlern wie Gene Davis oder Frank Stella nach einer körperhaften Farbkunst erstaunlich nahe.

Markus Amm: Tape, 2010

Markus Amm: Tape, 2010
Die Edition zur Ausstellung Being Singular Plural ist eng mit der Soundinstallation Trespassers Will Be Prosecuted verbunden, für die Desire Machine Collective Klänge aus einem heiligen Wald in Meghalaya „eingesammelt" hatte.
Sacred ist das Äquivalent einer technologischen „Klangkarte", die die koloniale Kartographie ersetzt. Der Pfad durch das geschützte Gebiet wurde mittels GPS genau dokumentiert. In der gedruckten Fassung sind QR-Codes entlang des Trails positioniert, die sich z.B. mit einem Smartphone decodieren lassen und so die Originalaufnahmen wieder hörbar machen. Das Pendant zu diesem immateriellen Teil der Edition sind sechs Blätter die zu der nur mit Passwort zugänglichen Klanginstallation im Internet führen. Zugleich sind es die Bilder der Virtualisierung und Deterritorialisierung eines einzigartigen, nur noch vermeintlich unverrückbaren Stücks Natur.

Sonal Jain, Mriganka Madhukaillya
page 3 of Sacred, 2010
© Sonal Jain, Mriganka Madhukaillya

Sonal Jain, Mriganka Madhukaillya
page 6 of Sacred, 2010
© Sonal Jain, Mriganka Madhukaillya

Sonal Jain, Mriganka Madhukaillya
screenshot of Sacred, 2010
© Sonal Jain, Mriganka Madhukaillya / onktokatuh
Wangechi Mutus hyperästhetische Arbeiten changieren zwischen Schönheit und Schrecken. So auch die Edition, die die in Kenia geborene und in New York lebende Künstlerin anlässlich ihrer Einzelausstellung im Deutsche Guggenheim entwickelt hat. Ausgangspunkt ist Mutus Collage The Bride Who Married a Camel´s Head von 2009, die eine mädchenhafte Frauenfigur in einer surrealen, von Gras bewucherten Landschaft zeigt: Umgeben von Schmetterlingen, exotischen Pflanzen, getrockneten Blättern und Tierschädeln kniet sie auf der Erde. Zwischen den Zähnen des knöchernen Unterkiefers, den sie herausfordernd in die Luft streckt, spritzt Blut, aus ihrem üppigen Blumenkopfschmuck, der von einem opulenten Perlenohrring zusammengehalten wird, windet sich medusenartig ihr Schlangenhaar. Die Verschmelzung von Anmut und Abgründigkeit ist charakteristisch für Mutus ambivalente Arbeiten, in denen sie schwarze, weibliche Identität im Spannungsfeld zwischen westlicher Konsumkultur, Mode, afrikanischer Politik und postkolonialer Geschichte hinterfragt. Für ihre Edition im Deutsche Guggenheim hat Mutu The Bride Who Married a Camel´s Head in ein dreidimensionales Puzzle verwandelt. Das reliefartige Assemblage-Objekt besteht aus Corian, einem hochwertigen Mineralwerkstoff, dessen Oberfläche so bearbeitet ist, dass die Haptik der Originalcollage nachempfunden wird. Der Clou: Ein zentrales Puzzleteil, der Ohrring der Figur, ist herauslösbar und kann an einer dazugehörigen Kette als Schmuckanhänger getragen werden.

Wangechi Mutu
The Bride Who Married a Camel's Head, 2010 © Wangechi Mutu

Wangechi Mutu
The Bride Who Married a Camel's Head (Detail), 2010
© Wangechi Mutu
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