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William Kentridge: Black Box / Chambre Noire

29. Oktober 2005 bis 15. Januar 2006

Das Deutsche Guggenheim präsentiert in seinen Ausstellungsräumen Unter den Linden vom 29. Oktober 2005 bis zum 15. Januar 2006 die Auftragsarbeit Black Box / Chambre Noire des südafrikanischen Künstlers William Kentridge. Mit dieser Installation bestehend aus animierten Filmen, plastischen Objekten, Zeichnungen und einem mechanischen Miniaturtheater setzt das Deutsche Guggenheim nach John Baldessaris Somewhere Between Almost Right and Not Quite (With Orange) die Reihe der Künstlerkommissionen fort.
Das Werk von William Kentridge zeugt von seiner intensiven Auseinandersetzung mit den Themen "Vergangenheit" und "Erinnerung". Kraftvolle Kohle- und Pastellzeichnungen bilden die Grundlage seiner Filme – auf ihnen hinterlässt er deutliche "Pentimenti" (Spuren), die formal den Prozesscharakter der Arbeiten und inhaltlich die unauslöschliche Präsenz der Vergangenheit unterstreichen. Bekannt ist Kentridge gleichermaßen für seine Theaterproduktionen, in denen er vielschichtige Multimedia-Performances realisiert. Objekte und deren Schatten, Puppen und die Hand des Puppenspielers, Spuren seiner Handschrift und Radierstellen finden sich in seinen Bühnenbildern und Filmprojektionen wieder. Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich Kentridge in seinen Arbeiten neben seinem Hauptthema der Geschichte Afrikas und Südafrikas auch mit deutscher Kunst und Kultur. So inspirierten ihn in einigen seiner Werke deutsche Künstler oder literarische Figuren. Beeinflusst wurde er auch durch seine Regiearbeit an Mozarts Zauberflöte im April dieses Jahres. Sowohl das Bühnenmodell als Objekt als auch das Thema der Aufklärung finden sich in Black Box / Chambre Noire wieder.
Die drei Bedeutungsebenen des Titels Black Box / Chambre Noire verwendet Kentridge dabei spielerisch: die ”Black Box” als Theater, als fotografisches ”Chambre Noire” und als Flugdatenschreiber, der Katastrophen dokumentiert. Behandelt wird die Konstruktion von Geschichte und Bedeutung, der Prozess der Trauer, die Schuld und Sühne, aber auch die sich verändernden Blickwinkel des politischen Engagements und der politischen Verantwortung.
Entwicklungen visueller Technologien überschneiden sich in Black Box / Chambre Noire mit der Geschichte des deutschen Kolonialismus bzw. der deutschen Präsenz in Afrika, insbesondere des 1904 von den Deutschen verübten Massakers an den Hereros in Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia. Dieses Massaker, das von einigen Historikern als erster Genozid des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird, führte beinahe zur Vernichtung des Stammes.
Nachdem 1885 Südwestafrika deutsches Protektorat geworden war, begannen deutsche Siedler, die Hereros zu enteignen. Als die Situation der Herero-Stämme daraufhin immer aussichtsloser wurde, rief ihr Häuptling Samuel Mahareru zu einer Revolte auf. Unter dem Kommando von General von Trotha schlugen die deutschen Truppen zurück. Trotz zunehmender Proteste gegen von Trothas harte Vorgehensweise in den Kolonien wie auch in Deutschland selbst, musste der General erst 1905, nachdem 75 Prozent des Stammes getötet worden waren, zurücktreten. 1914 übernahm Südafrika Deutsch-Südwestafrika als Protektorat – 1990 endete diese Zwangsherrschaft mit der Unabhängigkeit Namibias. Seine südafrikanische Herkunft veranlasste Kentridge, Vorstellungen von Täterschaft und Mittäterschaft, Sühne und Trauer zu hinterfragen.
Die Beschäftigung mit diesem historischen Ereignis führt den Künstler zum Freud’schen Begriff der ”Trauerarbeit”, als einer niemals zu beendenden Arbeit. Diese permanente Auseinandersetzung korrespondiert mit Kentridges unerbittlicher und selbstreflexiver Analyse der Entstehung von Bedeutung. Mit jeder Umsetzung eines neuen Werkes lüftet Kentridge den Schleier der Undurchsichtigkeit und legt dar, wie selektive, subjektive Erinnerungen zu "großen Erzählungen" der Geschichte zusammengefügt werden.

Auf seinen Reisen in Namibia sowie im dortigen Nationalarchiv fand Kentridge Materialien, anhand derer er eine Vielzahl von Papierarbeiten realisierte. Kentridges einzigartiger filmischer Prozess integriert diese Zeichnungen im Black Box / Chambre Noire-Film und kombiniert sie mit von ihm in Namibia aufgenommenem Filmmaterial sowie mit Archivfotografien und Ausschnitten aus deutschen Filmen der Kolonialzeit. Auch die Musik, auf die Kentridge und Philip Miller – Komponist der Filmmusik zu Black Box / Chambre Noire – in Namibia stießen, ist eng in die Arbeit eingebunden.
Black Box / Chambre Noire reflektiert die Problematik der Darstellung eines historischen Traumas. Präsentiert wird die Rekonstruktion von Ereignissen und Personen aus der Sicht einer bestimmten Zeit, eines bestimmten Ortes und einer bestimmten Politik. Mit dieser metaphorischen Untersuchung der ”Black Box” thematisiert Kentridge Flexibilität, Fixierung und Zukunft bei der Erforschung der Vergangenheit. Die Arbeit widersetzt sich so einem Abschluss und hinterfragt vereinfachende Konstruktionen von Geschichte, die mit den Gegensatzpaaren Vergangenheit und Gegenwart, Opfer und Täter, Spektakel und Zuschauer operieren.

William Kentridge: Black Box / Chambre Noire wurde von Maria-Christina Villaseñor, Associate Curator of Film and Media Arts, Guggenheim Museum New York, kuratiert. Ausstellungsbegleitend erscheint ein gebundener Katalog in Deutsch oder Englisch mit Essays der Kuratorin sowie des Künstlers zum Preis von € 34.
Als Edition No. 33 des Deutsche Guggenheim entwickelte William Kentridge die Edition Black Box / Chambre Noire, bestehend aus der historischen Replik eines Stereobetrachters und 8 Stereofotografien. Diese Stereobilder, die von John Hodgkiss und William Kentridge aufgenommen wurden, zeigen sowohl Szenen aus der Installation als auch Kentridges Studio während der Arbeit an Black Box / Chambre Noire. In einer limitierten und signierten Auflage von 100 + XX a.p. Exemplaren ist diese Edition zum Preis von € 380 exklusiv im MuseumsShop erhältlich.
Die Ausstellung wird von einem umfassenden Rahmenprogramm aus Vortrag, Film, Musik und Kinderprogramm begleitet. Am Samstag, dem 29. Oktober, um 16 Uhr, findet im Deutsche Guggenheim ein Artist's Talk statt, in dem William Kentridge über seine neue Arbeit spricht. Kostenlose Führungen werden täglich um 18 Uhr angeboten. Die bekannten Lunch Lectures mittwochs um 13 Uhr sowie die sonntäglichen Themenführungen um 11.30 Uhr runden das Rahmenprogramm ab. Ausführliche Informationen entnehmen Sie bitte den beigefügten Unterlagen.

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Zur Ausstellung finden Sie folgende Beiträge in www.db-artmag.com, dem online Kunstmagazin der Deutschen Bank:
feature // Im Inneren der Black Box / William Kentridge im Interview

Fotomaterial zur Ausstellung
kann unter www.photo-files.de/guggenheim direkt aus dem Netz heruntergeladen werden.

Weitere Informationen
Deutsche Guggenheim
Kontakt: Sara Bernshausen
Telefon: (030) 202093-14
Fax: (030) 202093-20
email: berlin.guggenheim@db.com
Internet: www.deutsche-guggenheim.de