<< zurück zur Übersicht

>> zum Presseecho


Bruce Nauman: Theaters of Experience

31.10.2003 - 18.01.2004


Bruce Nauman gilt als der bedeutendste und einflussreichste Video- und Performance-Künstler unserer Zeit. Unter dem Titel Theaters of Experience zeigt das Deutsche Guggenheim zum ersten Mal in Berlin vom 31. Oktober 2003 bis zum 18. Januar 2004 eine repräsentative Auswahl seiner Werke von 1966 bis 1990. Das Spektrum der von Nauman verwendeten Medien, von Holografie über Neonröhren bis zu Videoarbeiten, spiegelt die Themenvielfalt seines Oeuvre wider, das von den Bedingungen der Kunstproduktion bis zur Frage nach der ‚Conditio Humana' reicht. Die Ausstellung in der Kunsthalle Unter den Linden untersucht den Einsatz von Performance-Strategien als Mittel für eine gesteigerte Selbstwahrnehmung von Künstler und Betrachter.

Wie viele Künstler der 60er Jahre verwarf auch Bruce Nauman für seine Arbeit das traditionelle, in sich geschlossene Kunstobjekt als Ausdrucksform. Er zielte vielmehr auf eine Kunst, die reale Erfahrung ermöglicht. Seine Werke wurden dabei von zeitgleichen Entwicklungen in Tanz, Musik und Film beeinflusst, die das Thema "Zeit" zum Ausdruck bringen. Sein Atelier als eine Art Theaterlabor nutzend, verwertete Nauman tägliche Routine und Gewohnheiten. Tätigkeiten wie das einfache Auf- und Abgehen wurden gefilmt und entwickelten in ihrer Dokumentation einen zunehmend inszenierten Charakter. »Ein Bewusstsein seiner selbst«, so Nauman, »gewinnt man durch ein bestimmtes Maß an Aktivität ... .«

Die Konzentration auf die bewusste Aktivität steht bei Nauman in enger Verbindung mit der Doppeldeutigkeit des englischen Wortes to act (handeln, schauspielerisch darstellen): Sobald man mit einem bestimmten Grad an Bewusstheit handelt, wird man zum Schauspieler. Wenn Nauman Gesten für die Kamera immer wieder fast rituell wiederholt, verleiht er ihnen Gestalt und Bedeutung. Sie erhalten damit einen sowohl fesselnden als auch absurden Charakter. In ihren Endlosschleifen zeigen Naumans Videoarbeiten eine Erzählung ohne Anfang und Ende und halten so das eigentümliche Kontinuum des Lebens fest.

Während Nauman sich zunächst auf sich selbst als Gegenstand konzentrierte, rückte ab den 70er Jahren der Betrachter ins Zentrum seines Interesses. Performance Corridor (1969), das erste von Nauman gebaute Environment, markiert diesen Übergang. Der Künstler wird vom Performer zum Regisseur: Durch einen schmalen Gang aus Sperrholz, sechs Meter lang und 45 Zentimeter breit (ein Maß, das sich aus der Breite der Hüften des Künstlers ergab), stolziert Nauman in der übertriebenen, stilisierten Haltung antiker Skulpturen in Walk with Contrapposto (1968) den Korridor entlang. Abgeleitet von der eigenen Erfahrung des Künstlers, kann im Performance Corridor nun der Betrachter diese Handlung selbst durchführen, den eigenen Körper wahrnehmen. Die Korridore und Räume des Künstlers verwandeln sich in Bühnenbilder, auf die der Betrachter aktiv reagiert. Nauman selbst verschwindet aus seinen Arbeiten, choreographiert jedoch die Aktivitäten und Reaktion des Betrachters.

In die auf Performance Corridor folgenden Environments integriert Nauman Spiegel, Kameras und Monitore. Er gibt dem Betrachter somit die Möglichkeit der Selbstwahrnehmung. An Zerrspiegel in Jahrmarktsbuden erinnernd, wecken diese Bilder ähnliche Zweifel an Realität und Authentizität. Wie schon seine Atelierfilme, die keine befriedigende Auflösung anboten, versagen auch die Korridore dem Betrachter das beruhigende Gefühl des Vertrauten.

Mit der Politisierung seines Werkes in den achtziger Jahren erweiterte Nauman sein Vokabular um eindeutig theatralische Figuren wie Clowns, Narren und Pantomimen. Das Maskeradenhafte des gesellschaftlichen Theaters bekommt in Naumans Arbeiten somit eine gewichtigere Rolle. Die Arbeit Mean Clown Welcome (1985), in der zwei Clowns immer wieder erfolglos versuchen, einander die Hand zu geben, bringt die Selbstentfremdung, die der Betrachter in den Korridoren erlebt nun, auf andere, neue Weise zum Ausdruck. Erkennbar und doch hinter einer Maske verborgen, ist der Clown, so Susan Cross, die Kuratorin der Ausstellung, "vielleicht nur ein weiteres Spiegelbild des Publikums oder unserer eigenen tragikomischen Situation auf der Bühne der Welt - unserer so oft scheiternden Kommunikationsversuche."

Den Abschluss der Ausstellung bildet Raw Material - BRRR (1990), eine Videoinstallation, in der Nauman nach zwanzig Jahren zum erstenmal wieder als Hauptfigur in einer seiner Arbeiten auftaucht. An seine frühere Auseinandersetzung mit dem Ich erinnernd, vervielfältigt, verzerrt und entkörperlicht diese Arbeit das Bild des Künstlers. Als »talking head« - eine andere Art von Performer - stößt Nauman einen anscheinend sinnlosen Laut aus, der jedoch auch als der Anfang seines Vornamens verstanden werden kann: »BRRR«.

Bruce Nauman: Theaters of Experience wurde von Susan Cross, Associate Curator am Guggenheim Museum, New York, kuratiert. Ausstellungs-begleitend erscheint ein zweisprachiger Katalog mit Essays von Susan Cross und Christine Hoffmann in Deutsch und Englisch zum Preis von € 19.

Als Edition No. 25 des Deutsche Guggenheim wurde in enger Zusammenarbeit mit Bruce Nauman und EAI (Electronic Art Intermix) das Video Walk with Contrapposto, 1968, aufgelegt. Die limitierte DVD-Edition ist in einer Auflage von 20 Exemplaren in einer besonderen Holzbox zum Preis von € 540 im MuseumsShop erhältlich.

Die Ausstellung Bruce Nauman: Theaters of Experience begleitet ein außergewöhnliches Rahmen-programm, das im engen Kontext zu Naumans Arbeit steht. So präsentiert Noreen Guzmán de Rojas unter Anleitung von Cesc Gelabert Body as a Cylinder aus Bruce Naumans Performance Untitled von 1969. Die Tänzerin verwandelt während ihrer Darbietung die eigene Körperlichkeit durch gleichzeitige mentale und physischen Aktivität in einen Zylinder. Die tägliche Tanzperformance findet vom 31. Oktober bis 9. November samstags bis montags jeweils um 15 Uhr, dienstags, mittwochs sowie freitags um 17 Uhr und am Donnerstag um 19 Uhr statt.

Unter der Leitung von Konstantia Gourzi spielen am 27. November, um 19 und 20:30 Uhr sowie am 30. November, 15 und 16:30 Uhr, Mitglieder des ensemble echo der Hochschule für Musik Hanns Eisler, Berlin, in der Ausstellung Werke von John Cage und Steve Reich sowie anderer Komponisten die Bruce Nauman inspirierten.

Unter dem Titel "..ein Schimmer von jenem Quellpunkt.." Literarisch-philosophische Seitensprünge ins Gefüge von Naumans Werk spricht die freie Kuratorin und Leiterin des Kunstvereins LandKunstLeben, Buchholz, Christine Hoffmann am 4. Dezember, um 19 Uhr über Bruce Naumans ‚Theaterarbeiten'.

Der traditionelle Familienbrunch findet am Sonntag, dem 7. Dezember, um 11.30 Uhr, im Deutsche Guggenheim statt. Während Erwachsene zum Thema Korridore, Spiegel, Masken: Physis und Psyche in den Performances von Bruce Nauman geführt werden, entdecken die Kinder spielerisch die Welt von Bruce Nauman.

Kostenlose Führungen werden täglich um 18 Uhr angeboten. Die bekannten Lunch Lectures mittwochs um 13 Uhr sowie die sonntäglichen Themenführungen um 11.30 Uhr runden das Rahmenprogramm ab.


>> Diese Pressemitteilung als PDF downloaden


Presse-Echo

>> FRANKFURTER RUNDSCHAU
>> DER TAGESSPIEGEL
>> FAZ (als Word-Datei)
>> BERLINER ZEITUNG
>> DIE WELT


Fotomaterial zur Ausstellung

kann unter www.photo-files.de/guggenheim direkt aus dem Netz heruntergeladen werden.

Weitere Informationen

Leitung: Svenja Gräfin von Reichenbach
Presse: Sara Bernshausen
Telefon: 030-202093-14
Fax: 030-202093-20
email: berlin.guggenheim@db.com
Internet: www.deutsche-guggenheim.de