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Wangechi Mutus Installation im Deutschen Guggenheim ist die erste Ausstellung im neuen Programm „Künstler des Jahres“ der Deutschen Bank.



Wangechi Mutu
The Bride who married a Camel's head, 2009
© Wangechi Mutu and Susanne Vielmetter
Los Angeles Projects

Ausgewählt wurde die 1972 in Kenia geborene und heute in New York lebende Künstlerin auf Empfehlung des Global Art Advisory Councils der Deutschen Bank, das von den international renommierten Kuratoren Okwui Enwezor, Hou Hanru, Udo Kittelmann und Nancy Spector gebildet wird. Die Wahl Wangechi Mutus zur „Künstlerin des Jahres 2010“ repräsentiert gleichermaßen wichtige Schwerpunkte des Kunstengagements der Deutschen Bank: Internationalität, Diversität und die Verbindung von künstlerischen Fragestellungen mit sozialen Themen. Im Unterschied zu vielen anderen Auszeichnungen ist „Künstler des Jahres“ nicht mit einem Geldpreis dotiert, sondern fest in das Kunstprogramm der Deutschen Bank eingebettet, mit dem sie seit 30 Jahren weltweit Zugang zu zeitgenössischer Kunst schafft. Bei der Förderung junger Künstler geht es der Bank darum, neue und beachtenswerte Positionen einem breiten Publikum zu vermitteln und langfristige Impulse für die künstlerische Laufbahn zu geben. Deshalb wird der „Künstler des Jahres“ in einer Einzelausstellung im Deutsche Guggenheim vorgestellt. Zusätzlich wird eine Auswahl von Arbeiten für die Sammlung angekauft. Der Fokus liegt dabei auf jungen Künstlern, die bereits ein unverwechselbares und außergewöhnliches Werk geschaffen haben, in dem Arbeiten auf Papier oder Fotografie eine wichtige Rolle spielen. 2010 werden Arbeiten von Mutu außerdem im Rahmen des neuen Kunstkonzepts für die modernisierten Türme des Frankfurter Hauptsitzes der Deutschen Bank auf einer ihr gewidmeten Etage zu sehen sein.

Für ihre Einzelschau transformiert Mutu die Ausstellungshalle Unter den Linden in ein suggestives Environment, das gleichzeitig an einen schützenden Kokon wie an die improvisierten Konstruktionen in den Shanty Towns, Barackensiedlungen an den Peripherien von Metropolen wie Rio de Janeiro, Lagos oder Kapstadt, erinnert. Mit einfachen Mitteln wie grauen, filzartigen Decken aus recycelten Materialien oder braunem Paketklebeband fertigt sie organisch wirkende skulpturale Gebilde. Sie bedecken Wände und Böden der Ausstellungshalle und bilden gleichzeitig Rahmen und Hintergrund für Mutus Collagen und die neue Videoarbeit „Mud Fountain“. Wangechi Mutus Installation ist auch von Erinnerungen an Berlin inspiriert. Als Schülerin — Mutu lebte damals in Wales — war sie hier als Mitglied eines Gospel Chors kurz nach dem Fall der Mauer zu Gast. Ihre Eindrücke von der materiellen Diskrepanz zwischen Ost- und West-Berlin sowie dem übermächtigen Verlangen der Menschen aus der ehemaligen DDR nach den Produkten, die sie bislang nur aus dem Fernsehen kannten und die sie wie Fetische zu verehren schienen, waren ein wichtiger Ausgangspunkt für das Projekt im Deutsche Guggenheim. Der vielleicht naheliegenden Vorstellung, dass sie eine „afrikanische“ Künstlerin ist, die in ihrer Arbeit von der Kultur ihrer „Heimat“ zehrt, setzt Wangechi Mutu einen multiperspektivischen Kosmos entgegen.



Wangechi Mutu
Intertwined, 2003
© Wangechi Mutu and Susanne Vielmetter
Los Angeles Projects

Die Entfremdung und Entwurzelung in ihren Bildern und Installationen ist offensichtlich. Es scheint hier weniger um eine Rückbesinnung auf ursprüngliche kulturelle Identität zu gehen, sondern eher um die Vision einer Zukunft, in der immer mehr Menschen als Migranten und permanent Reisende zu Bewohnern der „AlieNation“ werden. Kulturelle Identität wird dann nicht mehr durch die geografische Herkunft, Abstammung oder biologische Anlagen determiniert, sondern zunehmend zum hybriden Konstrukt, das man auch selbst bestimmen und verändern kann. Die gedankliche Aneignung von und das Nachdenken über Bilder gehen in Mutus Arbeit mit einer körperlichen Erfahrung einher: „Ich glaube, bei Künstlern sitzt das Gehirn in jeder Faser des Körpers, die man bei seiner kreativen Arbeit einsetzt.“ Die Bilder einer entfremdeten Welt transformiert Mutu in ihren Collagen zu etwas Eigenem, indem sie sie berührt, de facto als greifbares Material in Neuschöpfungen „verarbeitet“. Zwar thematisiert Mutu die postmoderne Vorstellung von Baudrillard, dass es unmöglich geworden ist, zwischen Original und Kopie, Vorbild und Abbild, Realität und Imagination zu unterscheiden. Doch schafft sie aus trivialen, tausendfach reproduzierten Images so etwas wie Originale, die durch künstlerische Handschrift, durch den sehr persönlichen und zeitaufwendigen Arbeitsprozess „auratisch“ aufgeladen werden — durch Gedanken, Ideen und Assoziationen, die durch die Hand in das Werk einfließen. Man kann sich „My Dirty Little Heaven“ wie einen Transformator vorstellen, der diese Energie an den Besucher weiterleitet — durch visuelle, haptische, olfaktorische Reize, durch die wiederum Assoziationen, Erinnerungen und Fantasien ausgelöst werden. Der White Cube als neutraler, reiner Raum, in dem abgelöst von der Alltagswirklichkeit Kunst betrachtet werden kann, verkörpert als ein Sinnbild der westlichen Moderne das Streben nach Symmetrie, Rationalität und Aufklärung. Dieser Vorstellung setzt Mutu einen „kleinen, schmutzigen Himmel“ entgegen, eine improvisierte, organische, zusammengestückelte Architektur, die den Raum okkupiert, im wahrsten Sinne des Wortes verunreinigt. Sie spricht von dem Versuch, sich in dieser kühlen Struktur notdürftig einzurichten, sich ein Zuhause, Wärme, einen eigenen „Himmel“ zu schaffen. Einen Raum, dessen Wände mit Sehnsüchten und Träumen gepflastert sind, in dem fast alles ein Ersatz für etwas ist, das man nicht besitzen oder sein kann. Die Milch regnet zwar wie Manna von der Decke, doch sie fließt spärlich. Die emaillierten Blechschüsseln, in denen sie aufgefangen wird, erinnern an Massenspeisungen oder wirken als seien sie aufgestellt, um Wasser aufzufangen, das durch ein undichtes Dach tropft. Die Tische könnten auch Tragen für Verletzte oder Bahren für Leichen sein. Während man die grauen Decken, die vor Wände und Fenster gehängt sind, auch als Beuyssche Metapher für Wärme und Schutz sehen kann, nehmen sie auf ganz reale Katastrophen und Notlagen Bezug. In Mutus Collagen und Installationen mit massenhaft (re-)produzierten Images und Materialien geht es um Verschwendung: den tagtäglichen Overload von medialen Bildern, Konsum, die gnadenlose Ausbeutung von natürlichen, ökonomischen und spirituellen Ressourcen, eine Welt, in der der Körper zur Ware geworden ist. Diesen Erscheinungen setzt sie die Forderung nach einer alternativen, menschlicheren Ökonomie entgegen. Der Versuch, diese Ökonomie zu entwickeln, bestimmt ebenso ihre Kunstpraxis wie auch ihr generelles Denken: „Ich habe diese Theorie über die ungeheure Verschwendung von Ressourcen, Einfallsreichtum und Ideen, die eigentlich direkt vor unserer Nase liegen. Dabei findet man sie häufig an den Orten, wo man sie zuletzt erwartet: in Gegenden, die völlig verarmt sind, bei Leuten, die als völlig ungebildet gelten, die aber tatsächlich genial sind, da sie noch immer am Leben sind — trotz der unmenschlichen Umstände, in denen sie sich befinden. Für mich ist diese Ausstellung eine Hommage an ihre Strategien, an ihre Arbeitsweisen, an ihre Hartnäckigkeit und an ihren Erfindungsreichtum.“


Artist of the Year
Mit der Auszeichnung „Künstler des Jahres“ eröffnet die Deutsche Bank ein neues Kapitel in ihrem globalen Kunstengagement. Auf Empfehlung des Deutsche Bank Global Art Advisory Council, dem die renommierten Kuratoren Okwui Enwezor, Hou Hanru, Udo Kittelmann und Nancy Spector angehören, ehrt die Bank junge Künstlerinnen und Künstler, die bereits ein unverwechselbares und außergewöhnliches Werk geschaffen haben, in dem Arbeiten auf Papier oder Fotografie eine wichtige Rolle spielen. Der Preis wird in diesem Jahr erstmals vergeben – „Künstlerin des Jahres 2010“ ist Wangechi Mutu. Im Unterschied zu vielen anderen Auszeichnungen ist „Künstler des Jahres“ nicht mit einem Geldpreis dotiert, sondern fest in das Kunstprogramm der Deutschen Bank eingebettet, mit dem sie seit 30 Jahren weltweit Zugang zu zeitgenössischer Kunst schafft – sei es durch ihre Kunstsammlung, durch Ausstellungen oder Kooperationen. Höhepunkt ist jeweils eine Einzelausstellung des „Künstlers des Jahres“ im Deutsche Guggenheim in Berlin, die anschließend an weiteren internationalen Standorten präsentiert wird. Zur Ausstellung erscheinen ein ausführlicher Katalog und eine exklusive Edition des Künstlers. Zudem wird eine Auswahl von Arbeiten auf Papier für die Sammlung Deutsche Bank erworben. Mehr Informationen im Online-Kunstmagazin www.db-artmag.com