Diese
Ausstellung untersucht den Dialog zwischen dem fotografischen Werk von Robert
Mapplethorpe (1946–1989) und der klassischen Kunst, speziell in deren
Überlieferung durch die Druckgrafik des holländischen und flämischen
Manierismus. Kupferstiche und Holzschnitte von Meistern wie Hendrick Goltzius,
Jan Harmensz. Muller, Jacob Matham und Jan Saenredam werden durch eine Gruppe
von Skulpturen ergänzt, die den Brückenschlag zur Antike vertiefen und
Mapplethorpes Œuvre in einen breiteren kunsthistorischen Zusammenhang stellen.
Der Manierismus war ursprünglich eine italienische Strömung, die nach dem Tod
Raffaels 1520 entstand und in den folgenden hundert Jahren auf andere
europäische Länder übergriff. Italienische Künstler bereisten den Kontinent und
im Gegenzug kamen ausländische Künstler nach Italien, die mit ihrer persönlichen
Interpretation antiker und zeitgenössischer italienischer Stile in die Heimat
zurückkehrten. Manieristische Druckgrafiken entstanden in Frankreich,
Deutschland, den Niederlanden und in Prag. Die flämischen Manieristen
orientierten sich rein äußerlich an italienischen Vorbildern, ohne sie direkt zu
kopieren, und vermengten hellenistische Einflüsse mit der Arbeit nach der Natur.


Barthélémy Prieur, Junge Frau, sich die Nägel schneidend, ca. 1565
Bronze, Height: 3 5/16 inches (8,4 cm)
Kupferstichkabinett, Skulpturensammlung,
© Staatliche Museen zu Berlin, Preussischer Kulturbesitz
Charakteristisch für den Manierismus sind kompositionelle, emotionale und
narrative Elemente, die anstelle des Ideals der Hochrenaissance – Gleichgewicht
und Harmonie – eine bewegte Dynamik entwickeln. Die klassische Proportion wird
aufgehoben, um einzelnen Partien mehr Gewicht zu verleihen. Die menschliche
Figur erscheint nackt, in die Länge gezogen und mit übertriebenen Details
angereichert, mit denen der Künstler seine Virtuosität anatomischer Darstellung
unter Beweis stellen will. Das akzentuierte Muskelrelief, das man schon bei
Michelangelo und seinen Nachfolgern antrifft, wird besonders von Goltzius auf
die Spitze getrieben. Obwohl die Bildwirkung und -dramatik durch die Darstellung
verzerrter Körper gesteigert wird, bleiben Eleganz, Anmut und Geist
Schlüsselmerkmale der manieristischen Ästhetik. Dies zeigt sich in der Wahl
mythologischer und allegorischer Motive wie die, der drei Parzen, der fünf Sinne
und der sieben Tugenden. |
Die energie- und gefühlsgeladene Macht der Liebe und des Eros, die viele
der manieristischen Exponate durchwirkt, bestimmt auch das Schaffen Robert
Mapplethorpes, dessen bisweilen schockierende Aufnahmen eine
unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Der von immenser Leidenschaft für
den menschlichen Körper geprägte Künstler bezeichnete die Fotografie einmal
als perfekte Methode Skulpturen zu schaffen. Mapplethorpe hat in jedem
Sujet nach der perfekten Form gesucht und seine Fotografien, die voll
plastischer Spannung sind, mit erotischer Ambivalenz aufgeladen. Das
klassische Ideal war ihm mehr als bloß poetische Inspiration; es diente ihm
während seines gesamten kurzen Lebens als ethisches Leitbild. Mapplethorpe
hat Malerei und Bildhauerei studiert und sich bereits früh für die
schöpferische Praxis dieser Disziplinen interessiert. In einer
Vergleichsstudie der späten 60er und frühen 70er Jahre ahmte er mit dem
eigenen nackten Körper die Posen neoklassizistischer Denkmäler nach.


Robert Mapplethorpe, Patti Smith, 1976
Gelatinesilberdruck, Künstlerdruck 1/2, 20 x 16 inches (50,8 x 40,6 cm)
© Robert Mapplethorpe Foundation. Reproduktion mit Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.
Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Schenkung, Robert Mapplethorpe Foundation
93.4278
Mapplethorpe verbindet skulpturale Harmonie mit fotografischer Ganzheit. Er
bringt Modell und historische Plastik zur Deckung, um die Kunst sowohl im
Leben als auch in der Fotografie zu reflektieren. Dadurch gelingt es ihm,
radikale Themen in eine kunstgeschichtlich relevante Sprache zu fassen.
Seine dem klassischen Naturalismus verpflichteten Kompositionen sind
minuziös durchgeplant. Sie bilden ein Kompendium menschlicher Gesten, das
von der Antike über die Perfektion Michelangelos bis zur Eleganz des 18.
und 19. Jahrhunderts reicht, zu Künstlern wie Auguste Rodin, der wie
Mapplethorpe ein Verehrer des Eros und der Sinnlichkeit gemeißelter Körper
war. Das anatomische Formenvokabular, aus dem beispielsweise die Bildnisse
der Bodybuilderin Lisa Lyons oder des athletischen Tänzers Derrick Cross
schöpfen, hat seine Wurzeln im Altertum. Es fand ein früheres Echo in den
expressiven, raumgreifenden Drucken von Jan Harmensz. Muller zum Raub der
Sabinerinnen und in Jacob Mathams Apollo, der mit muskulöser Vitalität die
Bildfläche durchdringt.
Während die Bravourstücke der Manieristen mit Licht, Oberfläche und Raum
spielen, mutet die reduzierte Schwarzweißpalette, mit der Mapplethorpe
Widersprüche und Zusammenhänge aufzeichnet, poetisch und melancholisch an.
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